Die Frau aus dem Michelangelo

Originaltitel:
(La Femme de Michel Ange)
Autor:innen:

Assous, Eric

Übersetzung:
Deutsch von Langner, Kim

Besetzungen:
1 Dame

Assous, Eric

Monolog

Deutsch von Kim Langner

1 D

Diese Frau hat keine Lust auf das Alltägliche: sie wartet in der Hotelbar und nicht im Café auf ihre Freundin, da das Luxushotel Michelangelo die wesentlich angenehmere Atmosphäre verströmt und distinguiertere Gäste hat.

Am Fenster vis-á-vis sitzt ein Mann. Er beobachtet die Frau, die ihm sehr gefällt, genau. Er sendet ihr feurige Blicke. Sie steht auf, telefoniert, kehrt an ihren Platz zurück. Ihr Sitzplatz ist besetzt. Der Mann von vis-à-vis hat ihn eingenommen. Charmant lächelt er sie an und fragt: „Was kosten Sie?“ Offensichtlich hat er ihre Kleidung und ihren Habitus falsch interpretiert.

Die Anzahl der Frauen, die einem Mann in so einer Situation eine Ohrfeige versetzen, oder den Orangensaft ins Gesicht schütten, sind wesentlich geringer, als man denkt. Gesten dieser Art sind theatralisch, klischeehaft, sie wirken alles andere als souverän. So reagiert die Frau amüsiert, denn der Mann, der ihr diese Frage stellte, ist elegant gekleidet und ein ziemlich cooler Typ. Klar kommt es für sie nicht in Frage, Geld von ihm zu nehmen. Sie ist verheiratet, gut situiert und nicht käuflich. Aber ein unbekanntes Spiel mit einem Fremden zu spielen, reizt sie. So erwidert sie auf seine Frage: „Nennen Sie mir einen Preis und ich sage Ihnen, ob Sie richtig liegen.“

Ebenso locker wie er sein Angebot, 1.500 Euro, fallen lässt, öffnet der Mann seine Brieftasche und zieht ein paar große Scheine heraus. An ihrer Reaktion erkennt er, dass sie keine Prostituierte ist. Der Mann, dem die Frau außergewöhnlich gut gefällt, gibt sich nicht so schnell geschlagen. Er legt seine Visitenkarte auf den Tisch und geht. Kaum ist er weg, wirft sie einen Blick darauf: Die mit Füller geschriebene Handynummer ergänzt eine ihr unbekannte Firmenadresse. Aufgeregt steckt sie die Karte als eine Art Trophäe, eine Art Andenken ein.

Drei Tage später trifft die Frau ihre Freundin Florence. Florence ist das Gegenteil von ihr: geschieden, Geldsorgen, zwei kleine Kinder, für die der Vater das Sorgerecht hat, was gut für die Kinder ist,. Florence braucht Sex und Abenteuer wie Andere die Luft zum Atmen. Als ihr die Frau das Erlebnis im Hotel Michelangelo erzählt, steht Eines für Florence fest: Der Unbekannte muss angerufen werden, um der Monotonie des Alltags zu entkommen und um zu klären, ob sein Angebot für Sex zu bezahlen bedeutete, er hielt die Frau wirklich für eine Prostituierte.

Nur wie stellt man es an, elegant mit einem Mann in Kontakt zu treten, von dem man weiß, dass er Louis-Marie Hauteville heißt? Dessen Geschäftsadresse man kennt und dessen Handynummer man hat?