Blackbird (Neuübersetzung)

Originaltitel:
(Blackbird (new version))
Kategorie:
Politisches
Übersetzung:
Deutsch von Kingsford Röhl, Angela

Damals waren sie ein Liebespaar. Una war zwölf und Ray war 38, als man sie zusammen ertappte und er wegen Verführung einer Minderjährigen festgenommen wurde. 16 Jahre später lebt Ray unter einem anderen Namen und arbeitet in einer Firma, die Geräte für Zahnarztpraxen herstellt. Er hat seine Strafe abgesessen, ist mit einer neuen Frau zusammen und hat sich ein neues Leben aufgebaut. Anders als Ray kommt Una nicht mit dem klar, was damals geschehen ist. Als sie bei einem Zahnarztbesuch zufällig Rays Foto in einer Zeitschrift sieht, entschließt sie sich, ihn aufzusuchen.

Das Kammerspiel BLACKBIRD zeigt die Begegnung zweier Menschen, deren Leben von einer gemeinsamen Erfahrung geprägt ist. Opfer und Täter treffen unvermittelt aufeinander. So sehr zu Beginn die Rollen klar erscheinen, so sehr verkehrt sich im Laufe der Unterredung das allzu einfache Rollenschema und offenbart die Geschichte einer ganz und gar unmöglichen Zuneigung.

Neuübersetzung des Stückes von Heike Frank und Michael Sommer auf der Basis der Übersetzung von Angela Kingsford Röhl.

DEA Berlin, Schaubühne, 2005
Hörspiel: SWR, 2007

 

Menschen mit gebrochenen Flügeln

von Martin Stefke, Chefdramaturg Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau

Blackbird singing in the death of night
Take these broken wings and learn to fly
All your life
You were only waiting for this moment to arise

The Beatles
Blackbird

Es gibt diesen kurzen aber ungemein schönen Beatles-Song Blackbird, 1968 von Paul McCartney geschrieben, ein leises, ja äußerst zartes von der Musik Johann Sebastian Bachs inspiriertes Lied über einen Menschen mit gebrochenen Flügeln. Es handelt von jemandem, der aufgefordert wird, sein Leben in die Hand zu nehmen. Er oder sie habe, so heißt es im Text weiter, auf den Moment, sich zu erheben, nur gewartet.
Dass es um einen Menschen geht, ist offensichtlich. Blackbird, das englische Wort für Amsel, steht hier nicht für den Vogel, sondern für eine afroamerikanische Frau. Paul McCartney hat das selbst einmal gesagt, ihr habe er Mut machen wollen in der unruhigen Zeit des Aufbegehrens gegen den alltäglichen Rassismus in den USA, gegen die Rassentrennung und die Diskriminierung der Schwarzen Bevölkerung kurz nach dem Mord an den Bürgerrechtler Martin Luther King.

Ob der Dramatiker David Harrower, als er 2005 das Theaterstück Blackbird schrieb, das Lied gekannt oder gar gemocht hat, wissen wir nicht. Ausgehen können wir davon. Und das nicht nur, weil der Schotte Harrower ein Landsmann McCartneys war. So kann das Lied Indiz sein, Schlüssel zum Verständnis der Geschichte des Stückes, der Geschichte von Una und Ray. Einer verstörenden Geschichte um eine verbotene Beziehung, ja eines juristisch gesehen klaren Falles sexuellen Missbrauchs. Doch David Harrower beschreibt Raymond und Una nicht nur als Täter auf der einen und Opfer auf der anderen Seite. Er erzählt eben auch die Geschichte einer großen Liebe. Und die fragt nicht nach Recht und Gesetz, lässt sich nicht in Schablonen und Muster pressen, ist nicht schwarz und weiß.
Nie wieder, so sagt Ray, habe er jemandem in ihrem Alter geliebt. Da ist er 55 Jahre alt und sie 27. Sie hat ein Foto in einer Zeitung gefunden und ihn daraufhin aufgesucht. Sie stellt ihn zur Rede, will endlich mit ihm sprechen. Denn fünfzehn Jahre ist es jetzt her, da hatten die Beiden eine Beziehung. Er war 40, sie zwölf.
Er sei kein Vergewaltiger, kein Kinderschänder, sagt er auch. Und man glaubt es ihm.
Sie sagt, sie habe die Strafe abgesessen, und meint, sie allein habe gelitten, so allein gelassen von ihm, allein mit den Gefühlen der Liebe, mit der Trauer des Verlustes. Ausgesetzt war sie den Vorwürfen der Eltern, ausgeliefert, den Erklärungen der Psychologen, hilflos den Untersuchungen der Ärzte gegenüber, den Blicken der Nachbarn – ihre Familie war nicht fortgezogen aus der Gegend, in der sie wohnten. So wusste jeder von der Beziehung, die klar gegen das Gesetz verstieß – und gegen die Moral.
Warum er gegangen ist, damals, nachdem er mit ihr geschlafen hat in einer Pension am Meer, wird nicht gesagt. Aber wie viel Angst aus seinem Verhalten noch heute spricht, sehen wir. Nach Verurteilung und Haft lebt er unter falschem Namen, ja, sagen wir es positiv – mit neuer Identität. Er hat sich ein zweites Leben aufgebaut, ist verheiratet, hat einen Job.
Zerbrochen sind beide. Und zerbrechlich sind sie immer noch – Vögel mit gebrochenen Flügeln. Sie versuchen, sich zu erheben, zu fliegen, zu leben.