Die Reise

(Die Reise)

Naumann, Matthias

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Beschreibung

Naumann, Matthias

2 D, 2 H, variabel Dek.

Vier wurden von der Stiftung auf eine Recherchereise an Brennpunkte der Flüchtlingsrouten aus dem globalen Süden nach Europa geschickt, doch nur drei von ihnen sind zurückgekehrt. Nun müssen sie vor dem Gremium der sie finanzierenden Stiftung berichten, was vorgefallen ist, und sich dafür verantworten. Angesiedelt in einer nahen Zukunft, sollten sie Zeugenberichte über die Reisen von illegalisierten Migrant_innen nach Europa über das Mittelmeer für ein von der Stiftung gegründetes Museum am Ort des einstigen Europäischen Amtes für Mobilitätspartnerschaften sammeln. Während Europa sich als Nordunion immer weiter gegen die globale Armut abschirmt und Flüchtlinge weiter abwehrt, rückt die zivilgesellschaftliche Arbeit der Stiftung die Flucht über das Mittelmeer und ihre Opfer in die Vergangenheit und will sie zum Gegenstand einer gedenkenden Ausstellung machen, denn aus der Erinnerung ließe sich für die fernere Zukunft lernen. Doch neben dem offiziellen Reisegrund, Materialien für das Museum zu sammeln, hatten die Vier noch einen zweiten, geheimen Auftrag, nämlich etwas über die Verantwortlichen für die zahlreichen Tode von illegalisiert Reisenden herauszufinden und Material für Anklagen gegen verantwortliche Institutionen oder Einzelpersonen zu sammeln.
Beide Aufträge scheinen, so ist den Berichten der Zurückgekehrten zu entnehmen, durch ihren vierten Mann gefährdet worden zu sein, weswegen sie ihn schließlich draußen, jenseits der Grenze, zurücklassen mussten. Um diese Entwicklung in ausgewählten Szenen zu zeigen, haben sie einen Schauspieler zur Anhörung mitgebracht, der ihnen helfen soll, ihre Begegnungen an Orten jenseits der Außengrenzen der Nordunion anschaulich nachzustellen. Unterbrochen wird diese Darbietung des auf der Reise Geschehenen durch reflektierende monologisch-chorische sowie durch erzählende Einschübe. Letztere vervielfältigen anhand zweier Figuren die Reiseperspektiven, indem sie von den neuen Aufnahmezentren jener Zukunft und ihren Formen der Abwehr an der vorverlagerten Außengrenze, d.h. im Gebiet der Herkunfts- und Transitstaaten jenseits der Grenze, bzw. von der deutschen Armutsauswanderung in die USA im 19. Jahrhundert erzählen.
Auf ihrer Reise sei es ihnen, so die drei Zurückgekehrten, und auch dem Vierten um die Frage gegangen, wie gesellschaftliche Veränderung möglich sein könne, zu der sie mit ihrem Handeln beitragen wollen. Doch gerät dieses Anliegen im Lauf der Reise in Konflikt mit der Angst, entdeckt zu werden oder aufgrund ihres Handelns in Gefahr zu geraten. In Opposition zu ihrer Suche danach, die Situationen zu verstehen, und damit nach der Möglichkeit von Veränderung, steht für die Zurückgekehrten das gefährliche Mitleid des Vierten für einzelne Menschen, denen sie unterwegs begegnen. Vor allem zeigen sie seine Vertrauensbrüche ihnen gegenüber, aufgrund derer er jetzt nicht hier sein kann. Was aber geschehen ist, lässt sich nur durch das erfahren, was die Zurückgekehrten auf der Bühne erzählen. Es ist nur insofern dokumentarisch. In ihrer Form stellt Die Reise zugleich die Frage nach den Möglichkeiten eines auf unsere Gegenwart bezogenen Lehrstücks.

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