Nürnberger Zeitung, 20.03.07
«Blackbird» in der Blue Box
Ist die Liebe jugendfrei?
Den Lolita-Mythos hat nicht erst der russische Autor Vladimir Nabokov in seinem
1955 erschienenen Roman erfunden. Konstellationen zwischen vermeintlich lasziven
«Kindfrauen» und weitaus älteren Männern, die ihnen verfallen,
gibt es vermutlich schon genauso lange wie die Menschheit. In der Bluebox des
Nürnberger Theaters ist jetzt unter der Regie von Tina Geißinger
das provozierende Stück «Blackbird» des britischen Dramatikers
David Harrower angelaufen, in dem es um die Beziehung eines zwölfjährigen
Mädchens mit einem Vierzigjährigen geht.
Nach 15 Jahren spürt Una, die inzwischen erwachsene ist, Ray an seiner Arbeitsstelle auf und konfrontiert ihn mit der Vergangenheit, die er nur allzu gerne hinter sich lassen würde. Seine Haftstrafe hat er abgesessen und mittlerweile unter dem Namen Peter eine andere Identität angenommen. Una hingegen hat nie aufgehört, sich täglich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen.
Zunächst scheinen die Täter-Opfer-Rollen klar verteilt. Gina Henkel gibt die wütende, überraschend selbstbewusste Frau, die angetreten ist, ihren einstigen Peiniger zur Rechenschaft zu ziehen: «Ich habe deine Strafe abgesessen, 15 Jahre lang!» Und Frank Damerius als Ray beziehungsweise Peter ist der Biedermann schlechthin.
Bald aber beginnt das Gefüge zu kippen. «Du hast mich doch angemacht», sagt Ray. Klar, da versucht ein Pädophiler seine perversen Neigungen zu legitimieren, mag man im ersten Moment denken. Fakt ist aber, dass die zwölfjährige Una sich – nach vorpubertär schwärmerischen Briefchen – im Gebüsch versteckte und ihrem älteren «Freund» zurief: «Ray, wo bleibst du denn, komm schon, ich warte auf dich!» Freilich entgegnet Una, die inzwischen verschiedene Therapien hinter sich hat, sie habe damals doch noch nicht gewusst, was sie tat. Die Una, die jetzt in hohen Stöckelschuhen, Rock und weißer Bluse vor Ray steht, testet aber auch 15 Jahre später wieder ihre Wirkung aus – und hat den gewünschten Erfolg.
Er sagt, er habe nie wieder ein Kind geliebt und sie sei damals viel reifer, entschlossener gewesen, als die Frau, mit der er zum damaligen Zeitpunkt liiert war. Sie sagt, sie sei in ihn verliebt gewesen.
Kann es eine echte Beziehung zwischen einem Kind und einem Erwachsenen geben? Das Stück verstört, weil es gesellschaftliche Maßstäbe erschüttert und den Zuschauer mit Fragen allein lässt.
Furie und Verführerin
Dem grellen, kalten Neonlicht des schäbigen Pausenraums, in dem sich die beiden treffen (Bühne und Kostüme: Friederike Baer) entgeht keine Regung. Mal ist Gina Henkel verletzte Furie, die einen Stuhl nach Ray schmeißt, dann wieder lasziv oder voll kindlicher Unbeschwertheit und auch Angst – das Publikum wird durch den engen Raum der Bluebox zum intimen Beobachter, ist jede Sekunde dabei. Auch Rays Hilflosigkeit und Schwäche, die Frank Damerius in zurückgenommene Gesten packt, wird spürbar.
Der Autor merkt an: «Mir geht es nicht darum, zu einem Schluss zu kommen, sondern darum, Fragen zu stellen. Ich will nicht, dass die Leute, die das Stück sehen, danach denken, dass man das Strafrecht ändern sollte. Ich wünsche mir vielmehr, dass es Fragen über persönliche Freiheit, über Verantwortung und darüber, was man im Leben hinter sich lässt und was man mit sich herumträgt, wie sehr man der Vergangenheit die Schuld an den Problemen der Gegenwart gibt, aufwirft.»
Wer bereit ist, sich auf einen fiktiven Psychothriller einzulassen, der das heikle Thema Missbrauch auch jenseits von politischer und gesellschaftlich akzeptierter Korrektheit beleuchtet, der wird mit packenden eineinhalb Stunden belohnt. Alle anderen können sich den Weg ins Theater sparen und damit ihre Nerven schonen. Christina Roth