Nürnberger Nachrichten
Ausgabe 19.03.2007

Die Vergangenheit als ausbruchsicheres Gefängnis
Liebe oder Missbrauch:
Tina Geißinger inszenierte das eindringliche Stück «Blackbird» für das Nürnberger Staatstheater

Blackbird Aufführung Bei der Premiere von David Harrowers «Blackbird» in der BlueBox des Nürnberger Staatstheaters gab es lang anhaltenden, verdienten Applaus für intensiv gespieltes Theater.
 



Es ist ein knallhartes Stück Vergangenheit, das Ray, ein Mann Mitte 50, und die knapp 30-jährige Una zu bewältigen haben, als sie im schmuddeligen Pausenraum einer Firma aufeinandertreffen. Vor vielen Jahren hatten die beiden eine Liebesbeziehung, Ray war damals um die 40, Una zwölf. Sie wurden ertappt, Ray hat seine Strafe abgesessen, beide wurden in die Therapiemangel genommen. Mit mäßigem Erfolg.

David Harrowers starkes Drama «Blackbird», das nun in der Regie von Tina Geißinger in Nürnberg zu sehen ist, fragt sehr direkt, ob ein erwachsener Mann eine echte Beziehung zu einem Mädchen haben kann. Oder ob es sich da selbstverständlich um Missbrauch handelt. Auf dem Silbertablett präsentiert der schottische Autor die Antwort freilich nicht. Er zeigt lediglich Möglichkeiten auf und gibt Anstöße zum Weiterdenken. Wie er das tut, ist in höchstem Maße spannend.

Insofern hat Regisseurin Tina Geißinger eine Vorlage gewählt (und sinnvoll entschlackt), die für sich spricht und viel Inszenierung gar nicht nötig hat. Umso weniger, weil mit Gina Henkel als Una und vor allem Frank Damerius als Ray zwei Schauspieler auf der - dem Zuschauer bezwingend nahen - BlueBox-Bühne stehen, die mit kraftvollem, nuanciertem Spiel und Präsenz überzeugen.

Friederike Baer (Bühne) hat ihnen ein bezeichnend enges Gehege für den Blick zurück in Zorn und Verzweiflung geschaffen. Ein zugemülltes Zimmer ohne Ausblick - zu Beginn von Lamellenwänden wie von Gitterstäben begrenzt - steht etwas plakativ für den sanierungsbedürftigen Seelenzustand der Protagonisten: Man kann den eigenen Erinnerungen nicht einfach entfliehen, schon gar nicht, wenn sie sich zu einem Schuttberg im Kopf aufgetürmt haben.

Während Ray die Vergangenheit vermeintlich sorgsam verstaut und sich eine neue, fragile Identität konstruiert hat, trägt Una das Geschehene wie eine offene Wunde mit sich herum. Wer hat damals wen verführt, Waren die Gefühle aufrichtig, was ist falsch gelaufen und warum? Was ist wahr, was hat man sich zur besseren Bewältigung zusammengedacht? Solche Fragen werden in einem hitzigen Dialog verhandelt, in dem Sätze sich verheddern oder Fragment bleiben, misstrauisches Nachhaken nur wenig Sicherheit bringt, und atemlose Stakkato-Monologe zum Ventil werden.

Frank Damerius gibt Ray als einen armen Hund, der voll Unsicherheit um den Erhalt seiner Fassade ringt. Einen ebenbürtigen Gegenpart hat er in Gina Henkel, die die Una mal als kokette Lolita, mal als hyperventilierend Verzweifelte spielt. Beide Schauspieler loten Nähe und Distanz aus, die das Verhältnis von Una und Ray bestimmen, und drehen gekonnt an der Spannungsschraube. Dass ihre Figuren am Ende keinen Schritt weiter sind, ist nur konsequent - ein intensives Stück, das unter die Haut geht, ohne je plump auf Betroffenheit zu setzen. Anschauen! BIRGIT NÜCHTERLEIN

Weitere Termine: 29., 31. 3; 13., 24. 4.. Kartentel.: 09 11/2 16 22 98.