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Es ist ein knallhartes Stück Vergangenheit, das Ray, ein Mann Mitte 50,
und die knapp 30-jährige Una zu bewältigen haben, als sie im schmuddeligen
Pausenraum einer Firma aufeinandertreffen. Vor vielen Jahren hatten die
beiden eine Liebesbeziehung, Ray war damals um die 40, Una zwölf. Sie
wurden ertappt, Ray hat seine Strafe abgesessen, beide wurden in die Therapiemangel
genommen. Mit mäßigem Erfolg.
David Harrowers starkes Drama «Blackbird», das nun in der Regie von Tina
Geißinger in Nürnberg zu sehen ist, fragt sehr direkt, ob ein erwachsener
Mann eine echte Beziehung zu einem Mädchen haben kann. Oder ob es sich
da selbstverständlich um Missbrauch handelt. Auf dem Silbertablett präsentiert
der schottische Autor die Antwort freilich nicht. Er zeigt lediglich Möglichkeiten
auf und gibt Anstöße zum Weiterdenken. Wie er das tut, ist in höchstem
Maße spannend.
Insofern hat Regisseurin Tina Geißinger eine Vorlage gewählt (und sinnvoll
entschlackt), die für sich spricht und viel Inszenierung gar nicht nötig
hat. Umso weniger, weil mit Gina Henkel als Una und vor allem Frank Damerius
als Ray zwei Schauspieler auf der - dem Zuschauer bezwingend nahen - BlueBox-Bühne
stehen, die mit kraftvollem, nuanciertem Spiel und Präsenz überzeugen.
Friederike Baer (Bühne) hat ihnen ein bezeichnend enges Gehege für den
Blick zurück in Zorn und Verzweiflung geschaffen. Ein zugemülltes Zimmer
ohne Ausblick - zu Beginn von Lamellenwänden wie von Gitterstäben begrenzt
- steht etwas plakativ für den sanierungsbedürftigen Seelenzustand der
Protagonisten: Man kann den eigenen Erinnerungen nicht einfach entfliehen,
schon gar nicht, wenn sie sich zu einem Schuttberg im Kopf aufgetürmt
haben.
Während Ray die Vergangenheit vermeintlich sorgsam verstaut und sich eine
neue, fragile Identität konstruiert hat, trägt Una das Geschehene wie
eine offene Wunde mit sich herum. Wer hat damals wen verführt, Waren die
Gefühle aufrichtig, was ist falsch gelaufen und warum? Was ist wahr, was
hat man sich zur besseren Bewältigung zusammengedacht? Solche Fragen werden
in einem hitzigen Dialog verhandelt, in dem Sätze sich verheddern oder
Fragment bleiben, misstrauisches Nachhaken nur wenig Sicherheit bringt,
und atemlose Stakkato-Monologe zum Ventil werden.
Frank Damerius gibt Ray als einen armen Hund, der voll Unsicherheit um
den Erhalt seiner Fassade ringt. Einen ebenbürtigen Gegenpart hat er in
Gina Henkel, die die Una mal als kokette Lolita, mal als hyperventilierend
Verzweifelte spielt. Beide Schauspieler loten Nähe und Distanz aus, die
das Verhältnis von Una und Ray bestimmen, und drehen gekonnt an der Spannungsschraube.
Dass ihre Figuren am Ende keinen Schritt weiter sind, ist nur konsequent
- ein intensives Stück, das unter die Haut geht, ohne je plump auf Betroffenheit
zu setzen. Anschauen! BIRGIT NÜCHTERLEIN
Weitere Termine: 29., 31. 3; 13., 24. 4.. Kartentel.: 09 11/2 16 22 98.
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