19.03.2007- Die Abendzeitung - "Blackbird"

Am Müllplatz der verbotenen Liebe
Packend: »Blackbird« in der Blue Box

Zur Seelenhygiene langt das nicht, wenn das längst durch Gesetz und Moral getrennte Paar plötzlich in einem Anflug von explodierender Lebenslust den Schmutzmüll bildhaft durch die Luft wirbeln lässt. Schwerelos werden die hoch kochenden Altlasten einer verbotenen Liebe in diesem versifften Hinterzimmer zur Wirklichkeit dadurch nicht.

Sie liefern der Inszenierung von David Harrowers Stück "Blackbird", das bei seiner regelrechten Aufführungswelle quer durchs deutschsprachige Theater jetzt auch die Blue Box am Nürnberger Schauspiel erreicht hat, freilich die eindrucksvolle Bodenhaftung beim Gang durchs verminte Gebiet erregter Kinderschänder-Debatten. Ein starkes Stück in einer starken Aufführung mit zwei glänzenden Schauspielern: Gina Henkel und Frank Damerius liefern punktgenaue Psycho-Studien für 90 Minuten Bannkraft.

Die Vorlage des britischen Autors, die mühelos mit seinem "Messer in Hennen" mithalten kann, pfeift auf Schablonen und Schnittmuster für den sensationslüsternen Sextäter-Blick und liefert den passenden Tonfall für verunsicherte Fragen und einen sensiblen Psycho-Thriller, der gleichzeitig Himmel und Hölle akribisch zur Vergangenheitsbewältigung zusammenfaltet. Ausgelöst durch den "Schock", wie es Una, das einstige Vögelchen der Versuchung, das "Blackbird", triumphierend feststellt, als sie in Raymonds neuer Existenz auftaucht.

Knast-Hölle, Freundes-Verrat, Verlustängste und Therapie-Grübeleien liegen zwischen den Begegnungen. Zwölf war sie damals und "frühreif", er 40, aber keines "dieser perversen Schweine", sondern überzeugt von der Liebe seines Lebens. Sein Auto hat er gegen die Fahrtrichtung geparkt, erinnert er sich. Nicht nur das.

Regisseurin Tina Geissinger nutzt das schäbige Katastrophen-Kabuff (Bühne: Friederike Baer) für präzisestes Gefühlschaos bei den Schauspielern. Ein Lolita-Konflikt entblättert sich, der jenseits von Schuldgefühl und Sünde die ferngelenkte Triebkraft freilegt und das Menschliche im Monströsen findet. Mit genau ausbalancierten Szenen-Übergängen, wo stumme Blicke signalisieren, dass da nicht sein kann, was nicht sein darf.

Gina Henkel und Frank Damerius leuchten diesen Ring-Kampf aus Zuneigung und Verachtung, aus Opfer und Tat mit hinreissender Selbstverständlichkeit aus. Eine kleine Aufführung mit grosser Wirkung. daer

Nächste Vorstellungen in der Blue Box: 29./31. März