Was ist das, was soll das schon sein, wer könnte das schon sagen, was das ist, die Wahrheit? So was Ulkiges, Schlimmes, so was Abwegiges, Absurdes, so was Unbegreifbares, Unfassbares, die Wahrheit, die Wahrheit ist, niemand weiß, was die Wahrheit ist. Die Geschichte, die man selbst durchlebt, die das eigne Leben ist, deren Teil man war, woher soll man schon genau wissen, was nur Wünschen war und was Verirrung? Was waren die Anderen, Eltern, Gesellschaft, Gericht, das Ideal? Was war Liebe, was war Sex? Was war sexueller Übergriff oder billiger Missbrauch? Was war Lüge?
Es gibt eine Stelle in Fernando Pessoas berühmten "Buch der Unruhe", da heißt es: "Mit mir allein gelassen, begann ich, Papierschiffchen aus der Lüge zu verfertigen, mit der man mich abgespeist hatte. Niemand wollte mir glauben, nicht einmal als Lügner, und ich hatte keinen See, mit dem ich meine Wahrheit hätte beweisen können." Fast scheint es, als würde die junge Nürnberger Regisseurin Tina Geissinger in ihrer glänzenden Inszenierung von David Harrowers Stück "Blackbird" an dieses literarische Bild Fernando Pessoas anschließen wollen. Da gibt es nämlich jene zentrale Szene: Der ältere Mann, Ray, erklärt Una, der jungen Frau, die er angeblich vor fünfzehn Jahren sexuell mißbraucht haben soll, wie er gelitten hat, wie er damals zurückkommen wollte zu ihr, an den Ort, in das Hotelzimmer, in dem es geschah, wie er sie nicht mehr fand, wie er wimmernd in einer Telefonzelle zusammenbrach. Er erzählt das scheinbar offen, ehrlich, "wahrhaftig", so, wie man eben ein Stück Wahrheit erzählt, das man anzubieten hat, um sich selbst zu retten. Und sie, die junge Frau hört schweigend zu und beginnt in diesem Moment, ein Papierschiffchen zu verfertigen, vielleicht aus der Lüge, mit der man gerade versucht, sie abzuspeisen. Denn die Wahrheit des Stückes ist, niemand weiß hier mehr wirklich, wie die Wahrheit war damals.
Es ist ein Dialog zweier extrem Ungleicher, der sich hier dicht und spannungsvoll ereignet, zweier Fremder, die mal miteinander rechtswidrig im Bett waren und von denen sich jeder zwangsläufig fragen muß, wie die je zusammengekommen sind. Er, ältlich jetzt, ein bleicher temperamentarmer Biedermann im blassblauen Arbeitskittel, anämisch, graue Seele, graues Herz, kein Mensch kann sich vorstellen, dass dieser eher asexuelle Normalo mal eine Zwölfjährige geliebt oder gar begehrt haben soll, dagegen sie, jung, Ende zwanzig, sexy, aber vor allem ein bisschen spießig, ein bisschen tussihaft auf hohen Stöckelschuhen und mit frischweißer Sauberfraubluse, die ihn anklagt, sie vergewaltigt zu haben. Oder will sie sich nicht nur der Ernsthaftigkeit ihrer ersten Liebe vergewissern, wissen, ob und wie sehr sie geliebt oder ob sie benutzt, verlassen und betrogen wurde? Die beiden begegnen sich fünfzehn Jahre "danach" im trostlosesten Raum, den man sich dazu vorstellen kann, Müll auf dem Boden, abgegessenes Plastik, irgendwo "Bulgari"-Werbung, darüber die harte, weiße Kälte von Neonlicht.
Tina Geißingers Inszenierung beginnt hinter einer weißen Jalousie, die vor eine Art Pavillon gezogen ist, durch die der Zuschauer nicht wirklich Einblick haben kann auf das Geschehen. Der Vorhang wirft Schatten, irritiert das Auge, eher schemenhaft ist diese Wirklichkeit erkennbar.
Es ist merkwürdig, dass sich die Nervosität der Menschen, das heißt, ihre Ohnmacht, immer zuerst an den Extremitäten zeigt. In den Fingerspitzen. Sein mittlerer Finger zuckt, ihre Hände zittern, beide sitzen sich schließlich schräg gegen über mit verschränkten Armen, um die Unsicherheit zu töten. Schweigen. Er erinnert sie an etwas. "Weißt Du noch....?" Wieder Schweigen. Dann: "Das hatte ich vergessen!" sagt sie zögernd nach langer, sehr langer Pause. Irgendwann Dunkelheit, minutenlang. Ohne Notbeleuchtung.
Ist so etwas möglich, Liebe zwischen einer noch nicht pubertierenden Göre und einem verlorenen Vierzigjährigen, wie es sich der amerikanisch-russische Schriftsteller Vladimir Nabokov schon in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts fragte.
Ist das hier eine neue Lolita-Liebe oder doch Internet-Porno- oder pure Pädophilie oder einfach "voll pervers" oder was?
Nein, dies ist ausdrücklich kein dramatischer Versuch, den Täter von Schuld freizusprechen, auch keine Nabokov-Neuauflage, eher ist dies ist ein gelungenes Unterfangen, die Wahrheit ad absurdum zu führen oder ihr zumindest dringend zu misstrauen und zugleich unser Urteilsvermögen, die Untiefen der so genannten Gesundheit des Menschenverstandes erheblich in Frage zu stellen, denn so leicht ist diese und vermutlich keine Wirklichkeit lesbar.
Ein kleiner großartiger Theaterabend, ein gigantischer Kampf, ein phantastisches
Duell, ein heikles, delikates Duett zweier tatsächlich bemerkenswerter,
weil zurückhaltender Schauspieler: Gina Henkel und Frank Damerius. Wer
sich das hier nicht antut, ist wohl selber schuld.
Barbara Bogen