Kalte Short Cuts aus dem Leben junger Großstadtmenschen
Die australische Stückeschreiberin Vanessa Badham hat eine Mordswut im Bauch, die an den verflogenen Furor unserer „Achtundsechziger“ erinnert.
Als Arbeiterkind erlebte sie, wie der Turbokapitalismus ihre Heimatstadt Wollongong
bei Sydney plattmachte und das Leben ihrer Menschen zerstörte. Als Straßendemonstrantin
bezog die zornige junge Feministin Prügel von der Polizei. Auch als Virtuosin
des dialogischen Schlagabtauschs nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Mit ihrer
bitterbösen Trilogie „Bedtime for Bastards“, die Asphaltsprache
mit Businessjargon versetzt, trieb sie in Edinburgh und New York die Hälfte
des Publikums aus dem Saal. Die überwiegend jugendlichen Besucher der deutschen
Erstaufführung im Theater Lübeck waren härter im Nehmen. Sie
fanden die drei Duodramen, deren grotesk zugespitzte Wirklichkeitsanalyse der
Regie wenig Deutungsraum bietet, eher zum Kichern. Angelsächsischer Theatertradition
entsprechend, steckt alle Kraft, aller Sinn der Stücke in den Dialogen.
In „Kitchen“ (Küche) findet eine berufstüchtige Unternehmensberaterin
ihren Gatten Owen abends mit dem Kopf im Gasbackofen vor. Im Eifer seines Personalmanagements
hatte er sich am Ende selbst wegrationalisiert. In Fortsetzung der gnadenlosen
Businessworld stellt diese Helen ihren ehelichen Vertragspartner vor die Wahl:
Entweder arbeitest du deine Schulden als Haushälter, Bodenwischer und Kloputzer
in der heimischen Wohnung ab - oder du ziehst aus! Owen bleibt und verliert
eine Küchenschlacht nach der andern, bis seine Unterschenkel - Alfred Jarry
und das Festbankett seines „Roi Ubu“ lassen grüßen -
als Beinfleisch in der Bratpfanne landen. Astrid Färber zieht ihre Machtrolle
eiskalt durch. Martin Olbertz schrumpft zum kläglichen Opfertier. In „Morning
on a Rainy Day“ (Der Morgen eines Regentags) geht der Geschlechterkampf
weiter, gedämpft durch die Kissen eines von Sexsüchtigen belagerten
Doppelbetts. Trotz anderweitiger Heiratsversprechen können Polly und Ben
voneinander nicht lassen. Die wortreiche Sprachlosigkeit der Chat- und SMS-Generation
vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, welch emotionale Bürden
die sexuelle Revolution beiden Geschlechtern hinterließ. Frederike Schinzler
verleiht Polly den schämigen Charme juveniler Unentschiedenheit. Philipp
Romann mimt den coolen Liebhaber, den das Gewissen erst beißt, wenn Pol
ohne Schirm raus ist. In „Capital“ (Hauptstadt) lässt die Autorin
ihrer Verachtung für die Bush-Administration und deren Anti-Terror-Gewalt
freien Lauf. Als Allegorie politischer Realitätsverdrehung fingiert sie
einen Auftrag des US-Außenministeriums an eine PR-Agentur: Innerhalb einer
Viertelstunde sollen Jim und Bob einem Video, das US-Marines beim Massaker an
afghanischen Kindern zeigt, für CNN einen positiven Sinn andichten. Während
sich die Auftragnehmer (Martin Schwartengräber als Firmenboss, Jan Becker
als willfähriges PR-Genie) in verzweifelten Rollenspielchen verheddern,
erscheint an der Rückwand die Flammenschrift des Terrors vom 11. September
2001. Die zürnende Australierin und ihr Regisseur deuten an, was CNN verschweigt:
Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt dreht sich weiter.
Die Welt