Schauspiel von Vanessa Badham
„Bedtime for Bastards“, die Trilogie der jungen und radikalen
Vanessa Badham, wurde im Theater Lübeck mit großem Beifall aufgenommen.
Das deutsche Stadttheater ist wie ein gieriger Schwamm. Es ist in der Lage, vieles
aufzusaugen und gefällig abzusondern: antike Trauerspiele wie harmlose Lustspiele,
Klassiker wie wüste Gesellschaftskritik – und damit auch die Stücke
einer Vanessa Badham.
Etwas Bammel hatten Regisseur Kai Festersen und Dramaturgin Karla Mäder schon
vor ihrem Wagnis, die Trilogie „Bedtime for Bastards“ der knapp 30-jährigen
Australierin auf die Bühne der Lübecker Kammerspiele zu bringen. Doch
die Befürchtung, dass das Publikum von den feministisch grundierten und von
globalisierungskritischen Positionen durchdrungenen Stücken abgestoßen
würden, erfüllte sich bei der Premiere nicht. Im Gegenteil, die Zuschauer
feierten die Autorin, die eigens aus London angereist war.
Dabei schont Badham, die sich wahlweise als Anarchistin, als undogmatische Sozialistin
oder als gläubige Christin darstellt, weder Publikum noch Schauspieler. In
den Zweipersonenstücken balgen sich die Protagonisten, sie lieben und sie
demütigen sich. Das englische Wort „fuck“ geht ihnen wie seine
deutsche Entsprechung leicht über die Lippen, und als Teil der rasanten Dialoge
eines Paares erscheint es nicht ungebührlich vulgär, wenn er sie belehrt,
Liebeskummer sei wie Seitenstechen, „du musst dich da einfach durchvögeln“.
„Morning on an Rainy Day“ heißt dieses Stück, in dem die
Frau dem Mann, mit dem sie eine sexuelle Beziehung hat, der aber für sie
nicht wirklich erreichbar ist, gesteht, dass sie einen anderen heiraten wird.
Der gewünschte Effekt bleibt aus, der Kerl bestärkt sie in dem Vorhaben
und erniedrigt sie damit nur. Frederike Schinzler und Philipp Romann spielen die
Szene wie eine Telenovela, mit überdeutlicher Mimik und Sprache.
Regisseur Festersen inszeniert auch die beiden anderen Stücke nach Vorbildern
aus der Fernsehunterhaltung. Die Eheschlacht mit dem harmlosen Titel „Kitchen“,
in der, nach der Entlassung des Mannes als Personalleiter einer großen Firma,
die Rollen von Mann und Frau getauscht werden – er muss den Haushalt schmeißen,
sie schafft das Geld ran und hat den Hut auf –, ist eine Soap-Opera mit
blutigem Ausgang. Astrid Färber spielt darin mit unbarmherziger Coolness,
Martin Olbertz ist ihr kaum bemitleidenswertes Opfer.
Schließlich „Capital“, in dem wir zwei PR-Profis bei der Arbeit
beobachten. Sie sollen das Massaker einer US-Eliteeinheit an afghanischen Kindern
als Wohltat an der Menschheit verkaufen: ein Comedy-Sketch mit den beiden Erzkomödianten
Martin Schwartengräber und Jan Becker. „Bedtime for Bastards“
ist mehr als eine mutige Inszenierung. Wie auch immer man zu Badhams Expositionen
stehen mag: Solche welthaltigen, eben nicht nach Einverständnis heischenden
Stücke beleben Bühne und politischen Diskurs. Ein Dank an das deutsche
Stadttheater.
Lübecker Nachrichten